Quellen - Unterrichten mit dem mBook Gemeinsames Lernen

Unterrichtsentwurf

Quellen zu verändern, auch wenn es didaktisch begründet erfolgt, findet in der fachdidaktischen Diskussion oftmals keine Unterstützung: Durch Veränderungen kann zum Beispiel die sprachliche Gestaltung des ‘Originals’ verloren gehen. Doch gerade die Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil der Alteritätserfahrungen, die Lernende während einer Quellenarbeit machen. Werden originale Quellen also verändert, besteht die Gefahr, dass den Schülern Alteritätserfahrungen verloren gehen.

Wieso bieten wir nun vor diesem Hintergrund sprachlich veränderte Versionen von Quellen an?

Jede Schülerin und jeder Schüler hat unterschiedliche Hürden bei der Quellenarbeit zu nehmen, etwa beim Leseverständnis oder bei der Anwendung methodischer Analyseverfahren. Deshalb stellen wir im mBook mehrere “Schwierigkeitsgrade” für Quellen zur Verfügung. So wollen wir der Unterschiedlichkeit bei den Lernenden auf der Materialebene entsprechen und mehr Lernenden einen möglichst breiten Zugang zu Quellen ermöglichen.

Dabei ist entscheidend, dass wir einer Quelle nichts ‘wegnehmen’. Wir ergänzen das Original lediglich um sprachlich-inhaltliche differenzierte ‘Versionen’. Inhaltlich meint dabei keine Veränderung der Aussage, sondern vereinfachende Kürzung. Die ursprüngliche Version, also das ‘Original’, geht nicht verloren und kann jederzeit von allen Nutzerinnen und Nutzern herangezogen werden.

Ist es nicht die Aufgabe der Lehrkraft, die Schülerinnen und Schülern bei Verständnisproblemen zu unterstützen?

Das mBook Gemeinsames Lernen ersetzt Lehrkräfte nicht und will sie auch nicht einschränken. Die unterschiedlichen Versionen von Quellen sollen Lehrerinnen und Lehrer lediglich beim inklusiven Unterricht unterstützen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, Quellen in mehreren sprachlich-inhaltlichen Varianten anzubieten. Denn eine Originalquelle, deren Inhalt sich einige Lernende selbstständig nur mit großen Problemen oder überhaupt nicht erschließen können, ist hinderlich für den Unterricht. Wir möchten Lehrkräfte so bei der Unterrichtsvorbereitung und während der Stunde entlasten.

Wie wird die Differenzierung vorgenommen?

Für die Umsetzung der Differenzierung haben wir unterschiedliche Schwierigkeitsstufen (sog. Herausforderungsdichten) definiert. Jeder Herausforderungsdichte ist ein Symbol zugeordnet, das den Schwierigkeitsgrad anzeigt. Dabei gilt die Faustregel: Je mehr Ecken das Symbol hat, umso mehr Ecken müssen die Schülerinnen und Schüler auch denken:  

Sechseck - originale Quelle (meist in transkribierter Form, teilweise auch Abbildung einer Handschrift):

  • Material ist fremdsprachlich, dialektal gefärbt, liegt in älteren Schriften oder Schreibweisen vor.
  • Material behandelt ein heute fremdes Thema. Es wird mit Begriffen und Denkweisen behandelt, die sich von heutigen grundlegend unterscheiden.
  • Material ist lang, ein Fachtext, benötigt ein großes Kontext- oder Spezialwissen.
  • Um mit dem Material umzugehen, kann es also nötig sein, sie zu übersetzen, zu transkribieren, differenzierte Kontextinformationen heranzuziehen, die Entwicklung von Fachbegriffen zu klären etc.
  • Um das Material zu erschließen, ist die Anwendung einer oder mehrerer fachmethodischer Analyse-Regeln notwendig.

Quadrat - originale Quelle (überwiegend in transkribierter Form):

  • Material überschreitet eine gewisse Länge (ca. 30-40 Zeilen) nicht. Es liegt in heutigen sprachlichen Konventionen vor. Es ist nicht fremdsprachlich.
  • Material geht mit Fachbegriffen um, die jedoch mit heutigen Denkweisen leichter zu verbinden sind. Fremdwörter kommen vor.
  • Fachmethodische Analysen müssen vorgenommen werden.

Dreieck - weniger starke sprachliche Vereinfachung:

  • Material liegt einer heutigen Sprache vor. Der Satzbau ist nicht zu kompliziert. Es gibt kein gehäuftes Auftreten von Fremdwörtern und Fachbegriffen.
  • Material ist nicht fremdsprachlich.
  • Für eine Erschließung ist die Anwendung fachmethodischer Analyse-Regeln sinnvoll.

Kreis - starke sprachliche Vereinfachung:

  • Material liegt in heutigen sprachlichen Konventionen vor. Es ist nicht fremdsprachlich. Material hat einfachen bis einfachsten Satzbau. Fremdwörter kommen im Regelfall nicht vor. Die Länge des Materials geht über 'einige Zeilen' selten hinaus.
  • Die inhaltlichen 'Zentralbotschaften' reduzieren sich auf 'einige wenige'.
  • Die Anwendung von Analysemethoden ist nicht nötig, um den inhaltlichen Kern zu erfassen.

Diese Symbole befinden sich in der Magic Toolbar, die nach der Aktivierung über dem Quellenkasten erscheint (Siehe Abb. 1 und 2).

Abbildung 1: Kapitel 11.3, Quelle 3 im Original.

Die Originalquelle ist also i.d.R. in die Herausforderungsdichten Sechseck oder Viereck (wie in Abb. 1) eingeordnet, während die bearbeiteten Versionen ihrem Schwierigkeitsgrad entsprechend mit Dreieck, Kreis oder Leichte Sprache (wie in Abb 2.) gekennzeichnet sind. Dabei ist zu beachten, dass nicht jede Quelle in allen Versionen angeboten wird. Die existierenden Varianten sind in der Magic Toolbar farblich hervorgehoben, alle anderen erscheinen hellgrau. Zudem ist auch in jeder Quellenangabe ersichtlich, ob es sich um eine bearbeitete Version handelt oder nicht.

Alle Schülerinnen und Schüler können somit jeweils die Version der Quelle verwenden, die ihnen den besten Zugang ermöglicht.

Abbildung 2: Zum Vergleich: Kapitel 11.3, Quelle 3 auf Schwierigkeit ‘Kreis’ vereinfacht. In der Quellenangabe unter dem Quellentext selbst ist auch vermerkt, dass der Text bearbeitet wurde.

Aber was ist nun mit den Alteritätserfahrungen?

Das Original einer Quelle wird durch die unterschiedlichen Herausforderungsdichten nicht obsolet. Die Ursprungsversion kann – wie eingangs im Beitrag erwähnt – jederzeit herangezogen werden. Über die Magic Toolbar können alle Nutzerinnen und Nutzer zwischen dem Original und den Varianten wechseln.